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07.08.2010

Lesezeit: etwa 8 Minuten

Die Massensehnsucht nach Sicherheit

Jürgen Gansel (MdL): Nationale Gemeinschaftswerte gegen soziale Verunsicherung und Abstiegsangst

Die Flexibilitäts- und Mobilitätsdiktate der Arbeitswelt und der Wettbewerbsdruck auf Löhne und Arbeitsplätze machen vielen Deutschen Angst. Der Verlust sozialer Gewißheiten und materieller Perspektiven macht die Nation als Schutz- und Solidargemeinschaft wieder attraktiv.

Unlängst schlug die Demoskopin Renate Köcher ausgerechnet in der neoliberalen „Wirtschaftswoche“ Alarm: „Die Deutschen bangen um ihre Zukunft. Viele Bürger fürchten, mit dem Arbeitseinkommen ihren Lebensunterhalt immer weniger finanzieren zu können.“ 44 Prozent der Deutschen würden sich Sorgen machen, ob ihr Einkommen in den nächsten Jahren zur Wahrung ihres Lebensstandards ausreicht, und ein Drittel rechne ganz fest mit persönlichem Wohlstandsverlust, so die Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Im Juni hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Langzeiterhebung zur immer ungleicheren Einkommensverteilung veröffentlicht und damit die Krisendebatte befeuert. Im Jahr 2000 gehörten laut DIW 18 Prozent der Bevölkerung zur „Unterschicht“, also zu jenen, die weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. 2009 waren es schon fast 22 Prozent. Die Gruppe der Wohlhabenden, die über mehr als 150 Prozent des mittleren Einkommens verfügt, sei hingegen von 16 Prozent auf 19 Prozent gewachsen. Der Befund ist klar: die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer und große Teile der Mittelschicht sind von Sozialabstieg und Statusverlust bedroht – aller Aufschwung-Propaganda zum Trotz.

Für diese Erosion der bisher systemtragenden Mittelschicht macht „Spiegel online“ die weltweite Verlagerung von Wissen, Kapital und Arbeit im Gefolge der Globalisierung verantwortlich. Ganz unverblümt heißt es dort: „Durch verbesserte Transportmöglichkeiten und Kommunikationsnetze ist der internationale Wettbewerbsdruck stark gestiegen. Um mitzuhalten, müssen deutsche Unternehmen ihre Waren immer günstiger produzieren. Sie lagern zahlreiche Produktionsschritte in Billiglohnländer aus und erhöhen die Löhne in Deutschland kaum noch.“ Vergrößert wird das soziale Abstiegsrisiko noch durch die Agenda 2010 mit den Hartz-IV-Gesetzen als „Armutsrutsche“. Rutschten Langzeitarbeitslose früher nicht unbedingt in die „Unterschicht“ ab, führt heute fast jeder Arbeitsplatzverlust zum wirtschaftlichen Absturz.

Ära der Unsicherheit

Unsicherheit in allen wirtschaftlichen und damit lebensplanerischen Dingen ist das Kennzeichen der Globalisierungsära, was besonders die sicherheitsfixierten Deutschen im Mark erschüttert. Die Folgen der globalkapitalistischen Gesellschaftstransformation sind nun auch in den windgeschützten Winkeln des deutschen Alltagslebens angekommen. Die Globalisierung zerstört in Tabula-rasa-Manier die letzten Nischen bürgerlicher Sicherheit und läßt sozial, ökonomisch und kulturell keinen Stein auf dem anderen. Das Ergebnis der Durchkapitalisierung der Arbeitswelt sind Millionen beschädigte, ja zerstörte Erwerbsbiographien. Dies belegt keineswegs nur die DIW-Studie von 2010.

Schon 2006 diagnostizierte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ die Auflösung des kleinen und mittleren Bürgertums unter dem Druck der Globalisierung. Im Beitrag „Kein Bürger mehr, nirgends“ hieß es: „Die Debatte um den alten Stand reißt nicht ab. Übersehen wird dabei gern, daß ein echtes Bürgertum ökonomische Stabilität benötigt. Die aber ist heute dahin, und gefragt ist Flexibilität.“ Offen analysierte das Blatt die penetranten Flexibilitäts- und Mobilitätsforderungen sowie die Anpassungs- und Wettbewerbszwänge der Globalisierung, die die Fundamente des bürgerlichen Berufs- und Familienlebens zerstören: „Im Überbau soll das Scheinbürgertum sich gebärden wie seine Vorgänger im Kaiserreich oder der Adenauerzeit, an der Basis soll es aber im Dumpingwettbewerb mit China und Indien mithalten.“

Wie stark der internationale Wettbewerb die Erwerbsbiographien durcheinanderwirbelt, zeigt die massenhafte Verlagerung selbst von hochqualifizierten Arbeitsplätzen ins Ausland. Nach einer Prognose des internationalen Beratungsunternehmens A.T. Kearney wird die deutsche Industrie in den nächsten zehn Jahren mehr als 100.000 Arbeitsplätze in den betrieblichen Verwaltungsbereichen abbauen. Gründe sind die Optimierung der Arbeitsprozesse durch die neuen Kommunikationsmittel sowie die Senkung der Arbeitskosten durch Stellenverlagerung in Niedriglohnländer. Das betrifft alle deutschen Schlüsselindustrien von Auto, Stahl und Pharma bis Energie, Chemie und Telekommunikation.

Junge als Globalisierungsverlierer

Aber nicht nur qualifizierte Berufstätige finden sich auf der Selektionsrampe der Globalisierung wieder. Das Problem setzt schon früher ein – beim Berufseinstieg von Hochschulabgängern, die alles vorweisen können, was Personalchefs eigentlich verzückt. Dem „Spiegel“ war das heikle Thema 2006 die Titelgeschichte „Generation Praktikum: Jung, gut ausgebildet, fleißig – und ein fester Job in weiter Ferne“ wert. Längst geht es nicht mehr darum, daß sich Uni-Absolventen bis zur ersten Festanstellung paar Monate mit Kellnern über Wasser halten müssen. Vielmehr hat sich eine neue Ausbeutungsform etabliert: Unternehmen stellen für Berufseinsteiger kaum noch feste und sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze bereit, sondern krallen sich gut ausgebildete, aber mies bezahlte „Praktikanten“ mit befristeten Arbeitsverträgen. So ist der Typus des jungakademischen, armutsgefährdeten und lebensverunsicherten Multi-Jobbers entstanden, der ohne Umzugskisten gar nicht existieren kann.

Diese prekären Arbeitsverhältnisse sind eine direkte Folge der Durchglobalisierung der Wirtschaft. Der Soziologe Hans-Peter Blossfeld hat für seine Studie „Globalife“ die Lebensverläufe junger Erwachsener untersucht und stellt fest, daß die Jungen die Hauptverlierer der Globalisierung sind. „Es scheint paradox“, erklärt Blossfeld, „zum einen sind diese jungen Leute ja viel mehr auf die Internationalisierung eingestellt als frühere Generationen: Sie sprechen viele Fremdsprachen und haben viel mehr Auslandserfahrung. Aber auf der anderen Seite haben sich durch die Globalisierungsprozesse die Beschäftigungsverhältnisse der jungen Leute radikal geändert.“

Nach einer Studie der Hans Böckler Stiftung zu „atypischen Beschäftigungsverhältnissen“ gab es 1993 in Deutschland 4,9 Mio. Teilzeitbeschäftigte, 2004 waren es schon 7,2 Mio. (plus 46 Prozent). 1993 gab es gerade einmal 121.000 Leiharbeiter, im Jahr 2004 waren es bereits 400.000, was einer Steigerung von 231 Prozent entspricht. „Vollzeit im Nebenjob“ heißt die neokapitalistische Existenzform, die durch viel Zahlenmaterial nachgewiesen werden kann. Vor wenigen Monaten meldete das Statistische Bundesamt, daß seit 1991 noch nie so viele Erwerbstätige befristet beschäftigt waren wie 2008: 2,7 Millionen Menschen waren davon betroffen – jüngere Arbeitnehmer und Frauen mehr als Ältere und Männer. Daß insbesondere die potentiellen Familiengründer von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen sind, hat fatale Auswirkungen auf die demographische Entwicklung und damit den Bestand des deutschen Volkes.

System der Kinderverhinderung

Der Mangel an ordentlich entlohnter Vollzeitarbeit führt zu dramatischer Abwanderung und Kinderlosigkeit unter gut ausgebildeten Deutschen. Dem Wolfsgesetz des Weltarbeitsmarktes folgend, auf dem die „Ware Mensch“ zwischen Betrieben und Branchen, Regionen und Ländern hin und her geschoben wird, findet ein massiver Bevölkerungsaustausch statt. Deutsche Intelligenz wird ins Ausland getrieben, während ausländische Dummheit ungebremst ins Land kommt. Anstatt durch Rückkehranreize die Abgewanderten zurückzuholen, fordern Wirtschaftslobbyisten als buchhalterischen Ersatz ausländische „Fachkräfte“, die den Firmen die Ausbildung junger und die Fortbildung älterer Deutscher ersparen sollen.

Das alles hat ein regelrechtes System der Kinderverhinderung entstehen lassen. Laut der Studie „Berufsmobilität und Lebensform“ des Soziologen Norbert Schneider führen die unsteten Arbeitsverhältnisse zu einem rasanten Anstieg von Fernbeziehungen, von denen die allermeisten kinderlos bleiben. Wie die Robert Bosch Stiftung ermittelte, ist soziale Sicherheit die wichtigste Bedingung für die Erfüllung eines Kinderwunsches. Für 57 Prozent der 20- bis 49-jährigen Deutschen ist die Unsicherheit ihres Arbeitsplatzes der Hauptgrund ihrer Kinderlosigkeit.

Der Soziologe Ulrich Beck sieht in den prekären Arbeitsverhältnissen kein vorübergehendes Phänomen, sondern einen „Generationsbruch“. Was für ihre Eltern selbstverständlich war, ist für die Jüngeren trotz Qualifikation, Fleiß und Mobilität immer unerreichbarer: der bürgerliche Traum von Arbeit, Haus und Familie. Beck sieht auf die junge Generation größte Desillusionierungen zukommen: „Bisher mußten die Jungen weder für die Demokratie noch für Wohlstandsperspektiven kämpfen. All das wurde ihnen sozusagen geschenkt. Doch nun müssen sie erkennen: Es geht nicht nur aufwärts, diese Gesellschaft fährt im Fahrstuhl nach unten, und wir sind die Generation des Weniger.“ Bezeichnenderweise sagt der linke Soziologe nicht, warum dieser zukunftsgeprellten Generation die „Demokratie“ auch nur einen Pfifferling wert sein sollte. Früher waren Gesellschaftssysteme reif für den Untergang, wenn sie dem Volk nichts mehr zu bieten hatten außer den kollektiven Abstieg. Wenigstens gibt Beck zu: „Auch hierzulande kann ein Protestfunke zünden. Wenn die schwierige Integration in die Arbeitswelt für eine Generation als Kollektivproblem sichtbar wird, kann das sofort zum politischen Thema werden.“

Die radikale Veränderung der Wirtschaftswelt, durch die menschliche Arbeit materiell wie ideell entwertet wird, führt auch zu einem Legitimitätsschwund des politischen Systems. Dessen Wohlstandsversprechen bleiben unerfüllt, weil sich der Zusammenhang von Arbeit und sozialer Sicherheit, von Tüchtigkeit und sozialem Aufstieg auflöst. Es kommt der Aufkündigung des bürgerlichen „Gesellschaftsvertrages“ gleich, wenn selbst Leistungsbereitschaft keine gesicherten Lebensstandards mehr schafft. Die Marktforderungen nach Selbstausbeutung, Flexibilität und Mobilität zersetzen die bürgerlichen Werte von Heimat und Familie, Ordnung und Sicherheit. Massenwohlstand war der politische Kitt der Nachkriegsgesellschaft, und Wohlstand ist auch heute der einzige Stabilitätsgarant dieser geistig, sozial und ethnisch zerrissenen Konsumgesellschaft. Schmilzt er unter der Glutsonne der Globalisierung dahin, stellt sich für immer mehr Deutsche die Systemfrage.

Tatsache ist: die Arbeitsplätze, die momentan in einigen Branchen wieder entstehen, sind krisenanfällig, schlecht bezahlt und zeitlich befristet. Arbeit, die arm macht, können Menschen aber als noch ungerechter empfinden als Arbeitslosigkeit. Angesichts von Verlustängsten, Abstiegssorgen und Statusverlusten entdeckt auch die Mittelschicht die Volksgemeinschaft als Not- und Schutzgemeinschaft wieder. Nur sie kann aufgrund ethnokultureller Gemeinsamkeiten und emotionaler Gemeinschaftsbande die Sehnsüchte der Globalisierungsverlierer erfüllen: nach Sicherheit und Solidarität, Arbeit und Würde, Identität und Heimat. Die Deutschen müssen sich entscheiden zwischen der heutigen postnationalen Ich-Gesellschaft und einer neonationalen Wir-Gemeinschaft.

Jürgen Gansel, MdL

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